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Wer die Beschränkung seines Kunden kennt, braucht keine hundert Ideen

  • Autorenbild: Claudia Simon
    Claudia Simon
  • vor 5 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit
Post-its mit Skizzen strömen durch eine Sanduhr zu einem Laborgerät in futuristischer, heller Forschungsumgebung.

Sie kennen das sicher: Am Ende eines Innovationsworkshops ist die Wand voller Post-its. Zehn Ideen schaffen es in die engere Auswahl, fünf bekommen ein Projektteam, drei landen gleichzeitig bei denselben Entwicklern. Was niemand sicher sagen kann: Welche davon löst ein Problem, das den Kunden heute wirklich begrenzt?

Genau hier beginnt das Innovationsproblem. Nicht die Zahl der Ideen entscheidet, sondern ob Sie erkennen, welche Beschränkung Ihren Kunden wirklich bremst. Wie groß der Unterschied ist, zeigt ein Projekt aus der japanischen Krebsforschung.


In Kyoto begrenzt die Fertigung, wie viele Patienten die Therapie bekommen

Bei der heute zugelassenen CAR-T-Zell-Therapie werden Immunzellen eines Patienten im Labor so verändert, dass sie den Tumor erkennen, und anschließend an den Patienten zurückgegeben. Bei aggressiven B-Zell-Lymphomen war fünf Jahre nach einer einzigen Infusion fast jeder dritte Patient ohne Rückfall.


Trotzdem bekommt nur ein kleiner Teil der infrage kommenden Patienten die Behandlung. Sie ist sehr teuer, die Herstellung dauert vier bis acht Wochen, und jede Charge entsteht für genau einen Patienten in großen, teuren Anlagen an wenigen Standorten.


Genau dort setzt das Projekt „My T-Server“ an. Forscher der Universität Kyoto, Shinobi Therapeutics und Panasonic arbeiten an einem kompakten, automatisierten Kultivierungsgerät für die benötigten T-Zellen. Goldratt Japan brachte die Partner zusammen und begleitete Konzeption und Prototypentwicklung mit Eye4Value und Critical Chain Project Management.


Zu klinischer Wirksamkeit, Zulassung und erreichten Kosten liegen noch keine öffentlichen Zahlen vor. Entscheidend für unsere Frage ist der Ansatzpunkt: Die Beteiligten fragten, was Patienten daran hindert, die Therapie zu bekommen. Die Antwort lag nicht in der medizinischen Wirkung, sondern in der Fertigung.


Auch Fresenius Kabi setzt genau an dieser Beschränkung an: Das Unternehmen entwickelt automatisierte Zellverarbeitungssysteme und untersucht Lösungen, die CAR-T-Produktion künftig näher an den Patienten bringen könnten.


Sie müssen viele Ideen verfolgen und dürfen es nicht

Diesen Abstand zwischen „funktioniert“ und „kommt an“ kennen Unternehmen: Ein neues Gerät ist fertig, doch der Vertrieb verkauft es nicht. Ein Workshop beschließt ein Konzept, doch niemand verfolgt es weiter. Ein Produkt erscheint, wenn der Wettbewerber schon liefert.


Die übliche Antwort lautet: mehr Ideen, mehr Technologiescouting, ein größeres Portfolio. Doch damit entsteht ein Konflikt.


Viele Vorhaben gleichzeitig verfolgen: Welche Idee trägt, zeigt sich oft erst spät. Wer früh aussortiert, wirft womöglich die richtige weg.


Wenige Vorhaben gleichzeitig verfolgen: Dieselben Entwickler, Prüfstände und dieselbe Managementaufmerksamkeit bedienen alle Vorhaben. Wer sie auf zwanzig Projekte verteilt, verlängert jedes einzelne.


Unternehmen brauchen Auswahl und Fokus. Also tun viele beides halb: Sie starten viel und bringen wenig zu Ende. Entwickler springen zwischen Vorhaben, Projekte werden kaum abgebrochen, und Ergebnisse kommen zu spät.


Der Konflikt löst sich, wenn Sie eine Annahme prüfen: „Wir können vorher nicht wissen, welche Idee trägt.“ Solange Sie Ideen bewerten, stimmt sie weitgehend. Machen Sie dagegen die Beschränkung des Kunden zum Auswahlkriterium, lässt sich vorab untersuchen, wie groß sie ist und was ihre Beseitigung wert wäre. Sicher wird die Auswahl dadurch nicht — aber vielleicht prüfen Sie zwei Kandidaten statt zwanzig.


Kunden nennen ihre größte Beschränkung nicht

Fragen Sie Kunden nach Anforderungen, bekommen Sie meist Verbesserungswünsche am bestehenden Produkt. Die Beschränkung, die ihr Geschäft tatsächlich limitiert, erscheint darin häufig gar nicht. Sie steht in keinem Lastenheft, weil der Kunde sie nicht als lösbare Produkteigenschaft formuliert.


Aus Kundensicht: Wofür entschuldigt sich Ihr Kunde bei seinen eigenen Kunden? Was erklärt er jedes Mal aufs Neue, statt es zu ändern?


Aus Marktsicht: Wenn einzelne Kunden auffälligen Aufwand treiben, um mit einer Einschränkung zurechtzukommen — Sonderkonstruktionen bauen, eigene Leute abstellen oder deutlich mehr zahlen —, kostet diese Einschränkung sie offensichtlich viel. Was wenige sichtbar tun, tun andere möglicherweise unsichtbar.


Aus Produktsicht: Verändern Sie einen Parameter Ihres Produkts drastisch — Preis, Lieferzeit, Baugröße, Bedienaufwand. Was ändert das an der Lage Ihres Kunden? Welche Eigenschaft könnten Sie streichen, sodass das Produkt für einen Teil der Kunden erheblich attraktiver wird?


Wesentlich ist die Beschränkung, deren Beseitigung Ihrem Kunden mehr einbringt als der heutige Umgang mit ihr kostet. Rechnen Sie es aus: Personal, Sonderkonstruktionen, verlorene Aufträge. Liegt dieser Aufwand um ein Vielfaches über dem Preis Ihrer möglichen Lösung, haben Sie einen klaren Suchraum.


Bei den T-Zell-Therapien führt diese Betrachtung zur Fertigung: Die Klinik kann die Behandlung nur wenigen Patienten anbieten, weil jede Charge Wochen dauert und spezialisierte Anlagen voraussetzt.


Nicht die radikalste Idee entscheidet, sondern die, die die wesentliche Beschränkung des Kunden beseitigt

Über den Durchbruch entscheidet, wie stark eine Veränderung eine wesentliche Beschränkung des Kunden reduziert — auf eine Weise und in einem Ausmaß, das bisher kein ernstzunehmender Wettbewerber liefert. Ihr Kunde zahlt für das, was er danach tun kann und vorher nicht konnte.


Panasonic baut ein Gerät, das Zellen automatisiert kultiviert. Technisch ist das eine Aufgabe für Maschinenbauer und Automatisierer. In seiner Wirkung kann es jedoch darüber entscheiden, ob eine Therapie nur wenigen Patienten offensteht oder einem Vielfachen davon. Umgekehrt ist selbst eine technisch beeindruckende Entwicklung wenig wert, wenn sie an der Beschränkung des Kunden nichts ändert.


Vor dem Prototyp klären die Beteiligten, womit sie Geld verdienen

Die richtige Beschränkung zu finden, reicht nicht. Aus Kundennutzen wird ein Geschäft, wenn klar ist, womit der Kunde Wert und Preis vergleicht, wie und wo er kauft, welche Partner nötig sind und was Wettbewerber vom Kopieren abhält.


Ebenso wichtig sind die Menschen, deren Zustimmung das Vorhaben braucht. Wer ihre Einwände erst am Ende hört, entwickelt eine Lösung fertig und muss anschließend darum kämpfen, dass sie überhaupt eingeführt wird.


Beim My-T-Server-Projekt saßen deshalb Universität, Biotech-Unternehmen, Elektronikkonzern und Beratung an einem Tisch, bevor der Prototyp stand.


Die Zahl laufender Projekte ist der falsche Maßstab

Damit schließt sich der Kreis zum Innovationsportfolio. Wer die richtige Beschränkung als Auswahlkriterium nutzt, kann weniger Vorhaben gleichzeitig starten. Wer Innovationskraft dagegen an der Zahl laufender Projekte misst, belohnt genau das, was Verzögerung erzeugt.


Die Wirkung ist messbar: Wird im Kundenprojektgeschäft die gleichzeitig laufende Arbeit um ein Viertel reduziert, werden mindestens ein Fünftel mehr Projekte fertig; die Projektdauer sank in den zugrunde liegenden Erfahrungen von acht auf fünf Monate. In Entwicklungsumgebungen fiel der Effekt noch größer aus.


Stellen Sie sich deshalb zwei Fragen: Welche wesentliche Beschränkung unserer Kunden haben wir im letzten Jahr beseitigt? Und wie viele Monate sind vergangen, bis daraus Umsatz wurde?


Wer darauf keine Antwort hat, braucht keine weiteren Ideen. Ihm fehlt ein Verfahren zur Auswahl und die Kapazität, das Gewählte fertigzustellen. Der Hebel für beides: Machen Sie die Beschränkung des Kunden zum Auswahlkriterium und begrenzen Sie die Zahl gleichzeitig laufender Vorhaben.


Vielleicht heißt die entscheidende Beschränkung bei Ihren Kunden Lieferzeit, Bedienaufwand, Anschaffungspreis oder Ausfallrisiko. Entscheidend ist nicht, welche Idee Sie als Nächstes entwickeln, sondern welche Beschränkung Sie als Nächstes beseitigen.


Genau darauf sind unsere Business-Innovation-Workshops ausgerichtet: eine wesentliche Kundenbeschränkung identifizieren, daraus ein tragfähiges Angebot entwickeln und Geschäftsmodell sowie Umsetzung von Anfang an mitdenken. Mehr dazu


Quellen

Goldratt Global Annual Conference, 21./22. Juli 2026, Hotel Okura Kyoto (Goldratt Japan, PR TIMES, 15.05.2026) · Panasonic Holdings, Shinobi Therapeutics und CiRA Kyoto zum Projekt „My T-Server", 18.04.2024 · Goldratt Consulting zur eigenen Rolle, Eye4Value und Critical Chain, 30.04.2024 · CAR-T-Kosten und Herstellungsdauer in Deutschland: Pharma Fakten, 07.07.2025 · Fünf-Jahres-Daten ZUMA-1: Neelapu et al., Blood 141(19), 2023 · Panasonic auf der WHX Osaka, 30.06.2026 · Fresenius, „CAR-T-Zelltherapie: spektakuläre Heilungschancen, aber immer noch zu hohe Kosten“, November 2024 · Wirkungszahlen zur Begrenzung gleichzeitig laufender Arbeit: Uwe Techt, „Projects that Flow", und VISTEM-Projekterfahrung

 
 
 

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